Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

Dreifaltigkeitssonntag / A (11.06.2017)


In seinen Lebenserinnerungen erzählt ein Landser, wie er sich am Ende des letzten Kriegs auf der Flucht durchgeschlagen hat, um dem unsicheren Schicksal der Gefangenschaft zu entgehen. Der Sol­dat war ein ehemaliger Theologiestudent und versuchte bei seiner Suche nach einem Unterschlupf möglichst auf Nummer sicher zu gehen. So peilte er vor allem kirchliche oder geistliche Stellen an. Als er todmüde eines Abends an der Tür eines Pfarrers läutete, wurde er verständlicherweise mit einer gewissen Skepsis empfangen. Er hatte nichts bei sich, womit er sich als harmloser Theologe auswei­sen konnte. So nahm ihn der geistliche Herr in ein theologisches Examen und fragte ihn nach einem zentralen Satz der biblischen Botschaft. Der Studiosus antwortete mit dem Satz von Joh 3,16, den wir vorhin im Evangelium gehört haben: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." Diese Antwort öffnete ihm die Tür.

Diese Episode besitzt neben der biographischen zugleich eine zeitüberlegene gleichnishafte und exis­tentielle Bedeutung. Sie ist wie ein Schlüssel, der uns die Tür zum Herzgeheimnis des christlichen Glaubens und des trinitarischen Gottesbildes aufschließt. Die Frage: „Wer oder was ist Gott?" richtet sich nicht in erster Linie an unseren Verstand, sondern an unser Herz und unser Leben. Gott ist für uns ein durch und durch liebender Gott. Sowohl inhaltlich, wesens-, glaubens- und verstandesmäßig kann damit kein anderes Gottesbild konkurrieren. Wie sollen wir uns einen liebenden Gott vorstellen? Fragen wir bei denen an, die schon einmal richtig verliebt waren oder es eben sind, was das heißt. Wer verliebt ist, kann an nichts anderes mehr denken. Man möchte mit seinem Schatz immer zusammen sein, ihn mit Geschenken und Aufmerksamkeiten überhäufen. Genauso geht es Gott. Er hat sich und ist in uns Men­schen verliebt. Auch bei ihm ist das eine Liebe, die Folgen hat. Gott hält es bei sich allein nicht aus. Er braucht einen, den er lieben kann und mit dem zusammen er lieben kann. Wir kennen sein geliebtes Gegenüber, es ist Jesus Christus. Dieser hat dem ihn liebenden Gott den Ehrennamen Vater gegeben. Damit ist nicht irgendein Vater gemeint, es reicht auch nicht, ihn als „lieben Vater" zu bezeichnen, nein, er ist der Inbegriff, der Ursprung und Inhalt von Liebe überhaupt. Er ist die Liebe in Person schlechthin. Unabhängig und außerhalb von ihm gibt es keine Liebe. Das ist auch der Grund, warum Je­sus Christus nichts anderes sein kann und will als der Sohn dieses Vaters. Vater und Sohn halten es un­möglich in und bei sich selber aus, ihre Liebe drängt und treibt sie über sich hinaus. So haben sie von An­fang an versucht, uns Menschen zu zeigen, wie sehr sie uns lieben.

Gott der Vater wollte ein richtiges Date mit uns Menschen arrangieren, wollte sich mit uns treffen, mit uns zusammen sein und gemeinsame Zeit mit uns verbringen. Deshalb hat er seinen Sohn Jesus auf die Erde geschickt. In ihm lebte Gott als Mensch unter Menschen, durch Jesus hat er uns gesagt und ge­zeigt, wie sehr er sich nach uns sehnt. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab" - treffender lässt sich die Botschaft von Jesus nicht auf den Punkt bringen. Jesus ist die sichtbarste und kostbarste Folge von Gottes Liebe. Und Gott setzt sogar noch einen drauf. Obwohl Gott sich das Leben mit uns so schön vorgestellt hat, verhalten wir uns ihm und unseresgleichen gegenüber oft alles andere als liebenswert. Gott nimmt nichts von seinem Geschenk zurück. Er liebt die Welt nach wie vor, ohne nähere Bezeichnung und ohne Einschränkung, ungeschönt, wie sie ist. Er knüpft seine Liebe an keine Bedingungen, Vorleistungen oder Begrenzungen. Auf den Spott, den Zynismus und die Verachtung der Zuschauer und Peiniger antwortet der Gekreuzigte in Gottes und seinem Namen: „Va­ter, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Das ist der Unterschied zwischen seiner und un­serer Liebe. Seine Liebe schenkt uns „Liebenswürdigkeit", macht uns der Liebe wert und würdig, unsere Liebe aber fordert und pocht auf den Beweis ihrer Würdigkeit. Gott sagt: Weil ich dich liebe, bist du von unermesslichem Wert. Wir dagegen sagen: Das oder jenes an dir finde ich so toll, dafür liebe ich dich. Was mir an dir gefällt, macht dich mir liebenswert. Gott dagegen sagt: Trotz allem, was an dir nicht liebenswert ist, liebe ich dich. Meine Liebe zu dir wird dadurch nicht beschädigt. Im Kreuz begegnen wir dem abgrundtief liebenden Gott, in dessen Leiden wir uns selber begegnen. Vom Kreuz aus ruft Gottes Liebe uns zu: Werde doch, was du seit Golgota schon bist: Ein geliebter Mensch! Sieh hin, wie meine Liebe ohne Grenzen dich verändern, heilen, retten und verwandeln wird!
Die Liebe Gottes, von Vater und Sohn stellt alles in Schatten, was wir als Liebe erfahren, empfangen, verschenken und bezeichnen. Es ist Liebe in Reinkultur, in Höchstform, Intensität, größter Dichte, extre­mer Selbstlosigkeit, Souveränität, Authentizität und Fülle. Alles, was sie an Positivem besagt und enthält, kann es nur in personaler Verwirklichung geben. Liebe, die voll und ganz das ist und hat und wirkt, kann und muss nur als Person und in Person existieren. Losgelöst davon wird Liebe ihrem Wesen, ihrem Kern nicht gerecht. Vater und Sohn lieben, lieben sich und lieben die Welt in voll personaler Weise und Qualität. Weil ihre Liebe so einmalig, einzigartig und vollkommen ist, die anderswo so nicht präsent und antreffbar ist, ist ihr Inhaber, Träger und Subjekt der Heilige Geist der Liebe. Er ist gleichsam die liebe und liebende und geliebte Seele der Liebe von Vater und Sohn, er ist nichts anderes als Liebe, als ganz und gar Liebe. Gott und Liebe können und lassen sich nicht trennen.

Das in der Bibel enthaltene Wort Gottes bezeugt und erzählt die Geschichte dieser Liebe. In diese Ge­schichte ist die Geschichte der Welt und der Menschheit, die Geschichte Gottes, unsere eigene Lebens­geschichte als Liebesgeschichte hinein verwoben. Unter diesem von Gott gestellten Vorzeichen der Liebe will sie gelesen und will und soll unser Leben gelebt werden.


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