Predigt Vater Abt em. Christian Schütz
3. Fastensonntag / A (19.03.2017)

Es ist interessant, dass uns jeder Fastensonntag im Evangelium an einen anderen besonderen Ort entführt. Nach dem hohen Berg des letzten Sonntags landen wir heute an einem Brunnen, dem bei den Samaritanern beliebten Jakobsbrunnen. Brunnen sind bei den Alten mit besonderen Namen und Erinnerungen verbunden. Was das heißt, kann uns eine bestimmte Legende andeuten. Sie handelt von einem modernen Menschen, der sich in der Wüste verirrte. Die unbarmherzige Sonne hatte ihn total ausgedörrt. Da sah er in einiger Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er, eine Luftsiegelung, die mich narrt. Denn in Wirklichkeit ist da gar nichts da. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Er sah immer deutlicher die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle. Natürlich eine Hungerphantasie, dachte er, die mir mein wahnsinniges Gehirn vorgaukelt. Solche Phantasien hat man bekanntlich in meinem Zustand. Jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine Gehör-Halluzination. Wie grausam die Natur doch sein kann! Kurze Zeit später fanden ihn zwei Beduinen tot. Kannst du so etwas verstehen? Sagte der eine zum andern, die Datteln wachsen ihm in den Mund. Und dicht neben der Quelle liegt er verhungert und verdurstet. Wie ist das möglich? Da antwortete der andere: Er war halt ein moderner Mensch!

Es gab und gibt viele solche moderne Menschen, auch und gerade heute. Vielleicht gehören wir auch ein wenig dazu? Lassen wir uns vom Evangelium an einen für uns wichtigen Brunnen in der Bibel führen. Bei ihm werden wir zwei ganz einfache Dinge erinnert. So wie Jesus und die Frau aus Samaria treibt uns schlicht der Durst an den Jakobsbrunnen. Was richtiger Durst ist, wissen wir wahrscheinlich gar nicht mehr so genau. Was und wie er sein könnte, können wir uns vielleicht noch vom Trinken her vorstellen. Der erste Schluck beim Trinken ist immer etwas ganz besonders Köstliches. Ausgedörrt oder begierig greifen wir zuweilen nach dem ersten Glas oder Becher. Wer richtig durstig ist, der kommt irgendwie an die Grenze seines Daseins. Mit allen Sinnen sind wir am Löschen unseres Durstes beteiligt. Wir merken, dass es dabei um mehr als nur ein vitales Bedürfnis geht. Wir sind durstig nach mehr. Kennen wir unseren Durst? Nach was tragen wir ein tiefes und starkes Verlangen in uns? Wie wichtig das ist, sagt uns das vorletzte Wort des sterbenden Jesus am Kreuz: „Mich dürstet!" (Joh 19,28) Eine moderne Auslegung dieses Wortes spricht sogar von einem Durst Gottes nach dem Men­schen. Gott sagt: Ich weiß, was in deinem Herzen vor sich geht, wie sehr du danach dürstest, geliebt und geschätzt zu sein. Wie oft wurde dein Durst nicht gestillt! Ich werde deinen Durst stillen. Ich schätze dich mehr, als du dir vorstellen kannst. Es dürstet mich nach dir. Es dürstet mich danach, dich zu lieben und von dir geliebt zu werden. So wertvoll bist du für mich. Du bist das Gefäß, von mir entworfen, und ich bin durstig nach dir.

Unseren Durst stillen wir bekanntlich und gewöhnlich mit Wasser. Unsere moderne Wasserindustrie bietet uns eine sehr vielseitige Auswahl an Wassern an. „Das Beste ist das Wasser" sagte schon ein weiser Denker und Dichter des alten Griechenland. Wasser ist kostbar, kein Leben kann entstehen oder sich erhalten, wenn es fehlt. In vielen Kulturen und Religionen wird das Wasser als Urstoff verehrt, als eine Art Allmutter, aus der alles, was Leben hat, entstanden ist. In unseren Breiten, wo Wasser noch ausreichend vorhanden ist, machen wir uns meist keine Vorstellung, wie haushälterisch man in heißen Zonen mit dem kostbaren Nass umgehen muss. Keiner darf es vergeuden, jeder muss es dankbar empfangen, jeder Tropfen hat seinen Wert. Aber auch bei uns wächst die Vorstellung vom hohen Wert des reinen Wassers, wenn wir an unsere Umwelt und die Verschmutzung unserer Bäche, Flüsse und Gewässer denken. Weil dieses Umdenken lebensnotwendig ist, brauchen wir eine neue Einstellung zum Wasser. Wir haben es zu selbstverständlich in unserer Verfügungsmacht, darum erstaunt uns seine Köstlichkeit nicht mehr. Vielleicht müssen wir manchmal auf längere Zeit Durst leiden, damit uns der Schluck Wasser wieder etwas wert wird. Es ist ja erstaunlich, wie unscheinbar das Wasser ist, weder in seiner Farbe noch in seinem Geschmack lässt es sich genau kennzeichnen, es entzieht sich unserer exakten Bestimmung, aber auf Schritt und Tritt lässt sich seine Wirkung feststellen. Das Verlangen und die Suche nach dem Wasser des Lebens, das von Krankheit heilt und den Tod besiegt, hat die Menschen immer schon umgetrieben. Die Ausschau nach diesem Wasser ist in der Bibel immer auch ein Zeichen der Sehnsucht nach Gott und seinem Heil. Es gibt also einen Durst, den das irdische Wasser nicht stillen kann, der aber in den Bildern unseres Verlangens nach irdischem Wasser seinen Ausdruck findet. „Meine Seele dürstet nach dir, dem lebendigen Gott" spricht der Beter des Psalms 63. Jesus weiß um die Sehnsucht nach dem wunderbaren Wasser. Er bringt nicht einfach Wasser, sondern er ist selber dieses lebendige Wasser, wie er das lebendige Brot ist. Der Frau am Jakobsbrunnen gibt er sich als der messianische Wasserspender zu erkennen: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; es wird in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt."

Durst, Wasser und Quelle liegen für uns eng beieinander. Sie sind für uns ein Inbegriff für unser Leben und für Leben überhaupt. Sie erinnern uns an unsere Daseinsgrundlagen, aber auch an das, wovon wir leben und was wir für einander sind: Quelle lebendigen Wassers. Sind wir das? Für wen sind wir das? Aus welchen Menschen-Lebens-Quellen trinken wir? Gott bzw. Jesus wäre und möchte für uns sogar eine Hauptquelle sein. In einem modernen Lied singen wir sogar: „Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir, mein guter Gott! Du bist das Wasser, das mich tränkt und meine Sehnsucht stillt! Du bist die Kraft, die Leben schenkt. Eine Quelle, die nie versiegt. Ströme von lebendigem Wasser brechen hervor!" Singen wir das nur? Oder glauben und leben wir das auch, was wir sagen?




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